Ich habe letzte Woche einen fertigen Post kurz vor der Veröffentlichung wieder aufgemacht — und das stärkste Argument darin gestrichen.
Nicht weil es schlecht klang. Nicht weil das Thema falsch war. Sondern weil das Datum darin nicht mehr stimmt — und trotzdem fast überall weiter zitiert wird.
Das Argument: »Ab August 2026 verschärft der EU AI Act den Rahmen.« Klingt dringlich. Baut Druck auf. Steht so in Dutzenden Beiträgen und Seminarfolien.
Beim Gegenprüfen: Der Digital Omnibus verschiebt genau diese Hochrisiko-Fristen — geplant auf Dezember 2027. Das EU-Parlament hat im Juni zugestimmt.
Wer heute mit dem August-Stichtag Dringlichkeit aufbaut, verliert also in dem Moment, in dem ein informierter Entwicklungsleiter nachfragt. Und meine Zielgruppe fragt nach.
Was nach dem Streichen übrig blieb, ist unspektakulärer — und hält: Die KI-Kompetenzpflicht aus Artikel 4 gilt seit Februar 2025.
Für jedes Unternehmen, das KI einsetzt. Ganz ohne Stichtags-Drama.
Warum das alte Datum trotzdem überall weiterlebt? Weil Angst schneller schreibt als Sorgfalt. Und weil kaum jemand die Primärquelle prüft, wenn die Sekundärquelle so gut in den Pitch passt.
Daraus ist eine Regel für alles geworden, was ich veröffentliche: Jede Rechts- und Zahlenbehauptung muss das Gespräch mit dem bestinformierten Menschen im Raum überleben. Was das nicht schafft, fliegt raus — egal wie gut es verkauft.
Der gestrichene Absatz fühlt sich an wie verlorene Arbeit. Er ist das Gegenteil.
Welche Zahl in deinen Unterlagen würde eine kritische Nachfrage überleben — und welche nicht?
Quellen: Digital Omnibus on AI, Zustimmung EU-Parlament 16.06.2026 (Fristen bis zur Veröffentlichung im Amtsblatt vorläufig); Art. 4 Verordnung (EU) 2024/1689, gilt seit 02.02.2025.

